wie finde ich die passende Kamera für mich?

In vielen Fotographie-Gruppen auf Facebook wird mehrmals am Tag die Frage nach der richtigen Kamera (DSLR) gestellt und einerseits bin ich leicht genervt davon, weil es genügend Fachgeschäfte gibt, in denen man sich selbst und vor allem persönlich beraten lassen kann und andererseits verstehe ich auch nicht, warum niemand auf die Fragenden eingeht und immer sein/ihr eigenes System anpreist?! Beides ist nicht richtig zielführend! Vielleicht ist der Grund auch der, dass so eine Beratung doch nicht so ganz einach ist, wenn man sich die Länge meines Beitrages so ansieht?! :-)

Wo man jetzt hier anfängt, ist nicht ganz einfach und es gibt auch kein Hausmittel dafür, aber ich fange jetzt mal so an, wie ich es getan habe und auch wieder tun würde.

  1. Ich stelle mir die Frage, welchen Stellenwert Fotographie für mich hat? Erst wenn ich sagen kann, dass mich Fotographie interessiert und ich bereit bin, dafür Zeit zu investieren und dazulernen will, dann ist das schon mal der erste Grund, sich etwas Besseres zu holen als ein gutes Smartphone oder eine kleine, handliche Digicam.
  2. Welches System will ich nun haben? Um das einigermaßen objektiv anzugehen im Folgenden einfach ein paar Denkanstöße / Tips, auf was man achten sollte.
    • Preis. Bevor man sich überhaupt entscheidet, was man haben will, sollte man erst einmal prüfen, wieviel man denn bereit ist für die Grundausstattung auszugeben und dabei nicht aus den Augen verlieren, dass man seine Grundausstattung vielleicht auch einmal erweitern will.
    • System / Der Hersteller. Ich bin es eigentlich leid, dauernd zu hören, wie gut doch diese und jene Marke ist und dass man sich doch unbedingt für diesen Hersteller entscheiden muss. Ganz ehrlich? Totaler Müll in meinen Augen, wenn es um den Hobbybereich geht! Jedes System hat Stärken und Schwächen und jeder muss für sich selbst herausfinden, welche Stärken ihm zusagen und mit welchen Schwächen er leben kann. Im Endeffekt kochen alle nur mit Wasser und die Unterschiede sind jetzt nicht so gravierend, dass man einen Hersteller hervorheben kann oder muss. Und noch was. Nur weil ein Hersteller Werbung macht, heißt das noch lange nicht, dass er das beste System hat! Viel wichtiger ist es, auf ein paar Eckdaten zu achten, aber auch die sind hier nicht kriegsentscheidend, allemal vielleicht das Zünglein an der Waage. Auf was ihr meiner Meinung nach achten solltet sind:
    • Haptik und Bedienung der Kamera. Wie fühlt sich die Kamera in der Hand für dich an? Passt das Gewicht und die Größe und wie ist der Schwerpunkt? Schaut durch den Sucher und fühlt, ob auch das so passt. Drückt auf den Auslöser und merkt, wie groß der Widerstand ist. Wie hört sich der Auslöser an und am allerwichtigsten, wie ist das Menu aufgebaut? Versteht ihr den Grundaufbau schon ohne Anleitung? Natürlich ist hierzu auch ein klein wenig Vorahnung von Nöten.
    • Welcher Sensor? Hier könnte man Bücher drüber schreiben und ich will das hier gar nicht groß ausufern lassen mit einem ellenlangen Text. Die zwei gängigsten Formatgrößen sind der APS-C-Sensor und der Vollformat-Sensor, wobei jeder seine spezifischen Vor- und/oder Nachteile hat und man nicht pauschal sagen kann, welcher besser ist. Das muss jeder für sich entscheiden. Der APS-C Sensor ist ganz lapidar gesagt der kleinere und meist der günstigere und der Kleinbild, oder auch Vollformat-Sensor der größere und auch teurere. Etwas genauer, ist das hier erklärt (https://www.poeschel.net/fotos/technik/sensor.php)
    • Was will ich damit eigentlich machen und in welches Genre der Fotografie zieht es mich? Diese Frage stellt man sich,
      1. Weil man je nach Einsatzgebiet andere Anforderungen an das System stellt. (wetterfest und unempfindlicher als andere?)
      2. Weil das Gewicht kein unerheblicher Faktor ist (der Unterschied zwischen APS-C und Vollformat inkl. Zubehör ist nicht gerade unerheblich!)
      3. Weil Erweiterungen zum Grund-System folgen könnten (welche Objektive gibt es für meine Bedürfnisse, was kosten sie, …)
    • Wenn man eine Kamera kauft, kauft man sich ja, wenn Punkt 1 zutrifft auch irgendwann mal Zubehör zur Kamera. Je früher man sich sicher ist, wohin die Reise geht, also ob Sport, Landschaft, Lost Places, Portrait, Makro, … desto besser kann man sein System bestimmen und die Folgekosten gering halten, oder sich Geld für Fehlkäufe sparen, weil man sich Gedanken gemacht hat. Zu Folgekosten gehören natürlich vor allem Objektive und vielleicht Filter. Ein für mich nicht ganz unwichtiger Punkt ist zum Beispiel der, wo der Bildstabilisator sitzt. Sitzt der Stabi im Kameragehäuse, brauche ich kein Objektiv mit Stabi und genau das wäre nämlich dann richtig teuer und es kann auch sein, dass ein Dritthersteller wie Tamron oder Sigma sowas nicht anbietet und man zum teuren Hersteller-Objektiv greifen muss. Das ist qualitativ höchstwahrscheinlich kein Nachteil, aber schnell preislich! :-)
    • Die technischen Daten. Auch hier könnte man Bücher darüber schreiben und es gibt auch hier wieder die Verfechter der technischen Daten, bei denen jeder kleinste Wert so dermaßen über Qualität entscheidet, dass es dann auch wieder nur ein System gibt aber es gibt auch diejenigen, zu denen ich mich zähle. Die Praktiker, die zwar auch auf technische Daten achten, aber trotzdem noch fotografieren gehen, weil es ihnen Spaß macht. Also auf welche technischen Daten sollte man denn nun achten.
      1. Welcher Sensor? Wie vorhin schon angesprochen.
      2. Belichtungszeiten. Was ist die kürzeste Belichtungszeit, für den Fall, dass ihr Richtung Sport oder Bewegung gehen wollt.
      3. Belichtungsreihen. Bietet euch das System so etwas? Interessant für HDR-Fotografie.
      4. Serienbildfunktion. Wieviel Bilder kann das System innerhalb welcher Zeit knipsen? Auch interessant für Bewegt-Fotografie.
      5. Videofunktion. Viele legen auch Wert hierauf. Hierzu ein ganz klares Statement meinerseits. Entweder ich fotografiere ODER ich filme! Sind für mich 2 Paar Schuhe!
      6. Wieviel Megapixel / Auflösung der Kamera. Je mehr Megapixel, desto mehr wird das Bild in digitale Bildpunkte (Pixel) „zerkleinert“. Je feiner, desto hochwertiger wirkt es natürlich. Jeder Bildpunkt (Pixel) erhält dabei eine Farbinformation.
      7. Bildformate. Kann die Kamera auch RAW fotografieren oder „nur“ JPG. Der Unterschied ist nicht mal schnell so erklärt.

RAW bedeutet, dass die Farbinformation eines jeden Pixels gespeichert wird, also quasi das „digitale Negativ ohne Qualitätsverlust“. JPG ist zwar das geläufigste Bildformat, aber was viele nicht wissen, es ist schon komprimiert, um weniger Speicherplatz in Anspruch zu nehmen. Wie wurde das JPG denn nun komprimiert?
Das würde ich gerne anhand eines kleinen Beispiels sehr vereinfacht und metaphorisch zum leichteren Verständnis verdeutlichen.

Stellt euch einfach vor, das unten sind 16 Pixel eures Sensors ganz oben links in der Ecke und die 4 dunklen Felder sind in echt ein ganz dünner Strich, den ihr fotografiert habt.
Für das folgende Beispiel habe ich jetzt einfach den Hex-Farb-Code genutzt, um das einfach etwas anschaulicher zu machen

RAW bedeutet nun, dass (und ich spreche jetzt nur von diesem 4×4 Ausschnitt) alle 16 Bildinformationen gespeichert werden.
Also für Pixel A1 – 4A4A4A, Pixel B1 – FFFFFF, Pixel C1 – FFFFFF und so weiter bis hin zum 16. Pixel D4 – 4A4A4A.

Würde ich jetzt eine Art Pseudocode zusammensetzen, der diese Farbinformationen speichert, würde dieser so aussehen (wären übrigens 128 Zeichen Pseudocode für die Bildinformationen für diese 16 Pixel):

A14A4A4AB1FFFFFFC1FFFFFFD1FFFFFFA2FFFFFFB24A4A4AC2FFFFFFD2FFFFFFA3FFFFFFB3FFFFFFC34A4A4AD3FFFFFFA4FFFFFFB4FFFFFFC4FFFFFFD44A4A4A

JPG ist ja komprimiert und macht das per Interpolation. Je nach Qualitätsstufe des JPGs (ihr kennt das ja sicher als „von 3 bis 1 Sternchen“ oder als „Large, Medium, Small“) wird jetzt ein gewisser Bereich zusammengefasst und interpoliert, also ein Mittelwert für einen Bereich berechnet. Angenommen bei Medium hätte man noch recht gute Qualität und hierbei werden dann aus den 16 Pixeln beispielsweise 4 Bereiche gemacht, also A1-B2, C1-D2, A3-B4 und C3-D4 und in diesen Bereichen der Mittelwert berechnet. Wir wären hier dann bei A1-B2 – 8A8A8A C1-D2 – FFFFFF A3-B4 – FFFFFF C3-D4 – 8A8A8A. Also nur 4 Bereichsinformationen anstatt alle 16 Pixel einzeln.

Im Vergleich zum RAW würde das JPG dann im Pseudocode so aussehen (übrigens nur noch 40 Zeichen):

A1B28A8A8AC1D2FFFFFFA3B4FFFFFFC3D48A8A8A

Weniger Bildinformation bedeutet also weniger Qualität, folglich weniger Speicherbedarf. Die echte JPG Berechnung ist natürlich um einiges komplizierter und ausgereifter als meine Erklärung :-) diese sollte nur plakativ darstellen, wie das vom Prinzip her funktioniert.

 

Zum Abschluss noch ein paar Beispiele zu den Einsatzbereichen bestimmter Objektiv-Brennweiten (auch nur ungefähr, weil es hier nicht immer feste Übergänge bzw. Regeln gibt und Kreativität schließlich auch bedeuten kann, etwas absichtlich mit dem „falschen“ Objektiv zu fotografieren, um einen bestimmten Effekt zu erzielen) Achja. Brennweite ist zwar immer die gleiche, aber bei APS-C und Vollformat kommt was anderes bei raus. Bei einem APS-C-Sensor spricht man von einem sogenannten Crop-Faktor. Also wenn ihr zum Beispiel eine Kamera mit APS-C Sensor habt und der Crop-Faktor wäre 1,5 und ihr ein Foto macht mit einer Brennweite von 150mm, würdet ihr mit einer Kamer mit Vollformat-Sensor an der gleichen Stelle stehend den gleichen Bildausschnitt dann bekommen, wenn ihr 100mm Brennweite eingestellt habt. Die Brennweite ist ansich die gleiche, es ändert sich lediglich der Bildwinkel! Aber wenn ihr wollt, hier erfahrt ihr das schön und ausführlich zusammengefasst! (http://www.digitalkamera1x1.de/html/brennweiten-umrechnung.html) Ich spreche übrigens jetzt dann von Brennweiten auf Kleinbild bezogen!

  • Brennweiten zwischen 12 und 30 mm nimmt man meist für Landschaft oder für Innenaufnahmen, wenn Platzmangel herrscht (also ab und an mal in Lost Places J )
  • Brennweiten zwischen 20 und 70 sind beliebte Immerdrauf-Brennweiten. Also Linsen, mit denen man die meisten Alltags-Situationen (z.B. bei Städtereisen oder beim Spazieren gehen) meistern kann
  • Brennweiten ab 70 und mehr sind prädestiniert für Portrait-Aufnahmen
  • Brennweiten um die 100mm mit einem Abbildungsmaßstab von 1:1 sind genial für Makro-Aufnahmen, eine solche Linse ist übrigens auch genial für Portrait!! Also hier kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!
  • Brennweiten, die über die 150 hinausgehen, sind immer noch für Portrait geeignet, aber gehen schon in die Richtung Flucht-Tier-Fotografie, also Vögel und andere Tiere, die man sich eben mit der richtigen Brennweite „näher ranholen“ kann. Wobei wir bei der Tierfotografie schon eher bei Brennweiten von um die 400 sein sollten.

Sehr wichtig bei einem Objektiv ist immer auch die Offenblende! Da man hier im Netz genug Erklärung dazu findet, verweise ich gerne auf (http://www.richtig-fotografiert.de/technische-grundlagen-der-fotografie/blende/)

Ganz kurz und bündig erklärt:

  • Je mehr Offenblende, desto besser und auch teurer ist das Objektiv, desto mehr Freistellung ist möglich, aber auch schwieriger, den richtigen Punkt scharfzustellen.
  • Je weniger Offenblende, desto weniger Freistellung ist möglich, man hat ein weniger schönes Bokeh, aber das Obektiv ist günstiger.
  • Ich sag es jetzt mal ganz lapidar, aber das bringts auf den Punkt finde ich:
    • Offenblende kleiner 2 ist was für Profis oder Leute, die wissen, was sie wollen
    • Zwischen Offenblende 2 und 4 bekommt man sehr gute Qualität
    • Offenblende ab 5.6 ist eher was für Knipser und Leute, die nicht viel Wert auf Bildtechnik/-qualität legen.

Ich hoffe, ich habe euch nicht zu sehr verwirrt, aber wenn ihr bis hier gekommen seid und alles gelesen und verstanden habt, seid ihr schon mal über Punkt 1 hinweg und der Stellenwert für Fotographie scheint größer zu sein. Also ab ins Geschäft, Kamera anschauen, beraten lassen und dann raus in die Welt!

Ich wünsche euch allzeit gutes Licht und viel Spaß beim Fotografieren. Ich freue mich auch immer über einen Like meiner Seite auf instagram oder Facebook oder auch gern eine Verlinkung des Beitrags :-)

Euer Toni

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